Ausgabe 02/26 -

Gesund alt werden: Alles wird gut … aber nicht von allein!

„Alles wird gut!“ – dieser geflügelte Satz ist untrennbar mit Nina Ruge und ihrer Zeit als Moderatorin des ZDF-Magazins „Leute heute“ verbunden. Heute klärt die Biologin und Bestseller-Autorin vor allem über gesundes, bewusstes Älterwerden auf. Beim Presseempfang des Raiffeisenverbandes Südtirol machte sie deutlich, wie sehr wir unsere Lebensqualität bis ins hohe Alter selbst beeinflussen können.

Frau Ruge, Longevity – also gesundes Altern – wird oft nur als Lebensverlängerung verstanden. Was bedeutet für Sie „gut alt werden“ und was nicht?

Nina Ruge: Sie sprechen einen sensiblen Punkt an: „Ewige Jugend“ ist ein Menschheitstraum – entsprechend fruchtbar ist der Boden für die lukrativen Heilsversprechen der Longevity-Branche. Leider gibt es viele unseriöse Angebote. Ich orientiere mich ausschließlich an der Forschung zur Molekularbiologie des Alterns und an wissenschaftlich fundierten Ansätzen der gesundheitlichen Prävention. Hier finden sich spannende, verlässliche Erkenntnisse für ein gesundes, langes Leben. Diese beiden Strömungen gilt es klar zu trennen. Seriöse Forschung spricht daher heute eher von „Prevention Medicine“ (Präventionsmedizin) – meine bevorzugte Bezeichnung ist „Preventive Healthcare“ (präventive Gesundheitsvorsorge).

Welche Rolle spielen dabei die Genetik – und inwieweit können wir selbst aktiv Einfluss nehmen?

Die Forschung ging lange davon aus, dass 7 bis maximal 20 Prozent des Alterungsprozesses genetisch gesteuert werden. Das heißt, dass ein gesunder Lebensstil ca. 80 Prozent der Lebensqualität im Alter beeinflusst. Eine vor kurzem veröffentlichte, spektakuläre Studie nimmt diese Werte allerdings deutlich zurück: Bis zu 50 Prozent des Alterungs­prozesses seien genetisch vorbestimmt. Wie dem auch sei: Der wichtigste Hebel für ein gesundes, langes Leben liegt in unserer Hand.


Welche Faktoren und Gewohnheiten haben den größten Einfluss auf unsere Gesundheit?

Das sind die „Big five“: Bewegung, Ernährung, Schlaf, mentale Gesundheit und lebenslange präventive Diagnostik.

 

Gibt es aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, die Sie besonders spannend finden?

Hunderte Studien fluten täglich den Markt. Aktuell wird besonders intensiv über die sogenannte „Abnehmspritze“ diskutiert. Sie zeigt offenbar nicht nur bei Adipositas- und Diabetes-Patienten enorme gesundheitliche Effekte, sondern auch bei Gesunden und Normalgewichtigen. Sie wird von hochkarätigen Wissenschaftlern sogar als Medikament mit „Longevity“-Chancen gehandelt – bislang jedoch ohne wissenschaftliche Evidenz. Gleichzeitig reißt die Diskussion über mögliche Nebenwirkungen nicht ab.

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Das alles aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen – daher nur ein kleiner Ausschnitt: tägliche Bewegung, Dehnung und Gleichgewichtsübungen. Gemüsebasierte Ernährung, kein Zucker, keine Snacks zwischendurch. Kurze Atemübungen in kleinen Pausen. Positive Gedanken und Affirmationen sowie kuschlige Rituale mit meinen Tieren.

 

Viele Menschen genießen Pizza, Wiener Schnitzel oder ein Feierabendbier. Hat lustbetonter Genuss – auch wenn er nicht immer gesund oder klug ist – nicht auch seine Berechtigung in einem guten Leben?

Natürlich! Ich bin aber nicht allein mit der Erfahrung, dass ein gesunder Lebensstil sensibilisiert. Pizza, Schnitzel, Bier tun mir nicht gut, sind also für mich kein Genuss. Allerdings liebe ich ein Glas Wein am Abend.


Welche Wirkung haben soziale Beziehungen auf die Langlebigkeit?

Einsamkeit ist die Pandemie der Moderne. Heute wissen wir sehr viel darüber, warum Einsamkeit krank und alt macht. Wie sehr uns die Pflege von Freundschaften, das Zusammensein mit der Familie, das Schützen und Leben von Liebe gesund hält, lässt sich heute über Hormone und Neurotransmitter bis in unsere Zellen nachweisen.

 

Studien zeigen: Bildung, Einkommen und Zugang zu medizinischer Versorgung beeinflussen unsere Lebensspanne massiv. Ist Longevity damit auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit?

Teure „Langlebigkeits-Kliniken“ können sich nur vermögende Menschen leisten. Doch die wertvollsten Weichen kann jeder selbst stellen – und die meisten davon sind gratis oder günstig. Die Einstellung, sich eigenverantwortlich um die eigene Gesundheit zu kümmern, ist der Schlüssel für ein gesundes, langes Leben. In unseren reichen Industriestaaten gehört zudem eine gewisse präventive Diagnostik oft zur Leistung der Krankenkassen – man sollte sie einfach nutzen.

 

Unser Gesundheitssystem reagiert vor allem auf Krankheit. Wird Prävention politisch noch zu stiefmütterlich behandelt?

Ja, noch ist das so – aber das ändert sich rapide. Die Gesundheitssysteme stehen vor dem finanziellen Kollaps. Die Krankenversicherer und sogar die Pharmaindustrie haben die Transformation von Krankheitsbehandlung zu Präventionsmedizin bereits begonnen. Die Politik hinkt noch etwas hinterher, doch manche Gesundheitsminister*innen sind bereits Pionier*innen in der präventiven Gesundheitsversorgung.


Die Anti-Aging-, Fitness- und Schönheitsindustrie boomt. Welche Verantwortung tragen Medien, um ein realistischeres und positiveres Bild vom Älter-werden zu vermitteln?

Medien tragen eine enorme Verantwortung. Social Media ist leider viel zu stark von emotionaler Aufregung und von Kommerz getrieben. Doch seriös arbeitende Medien können den Menschen im Dschungel der halbseidenen Versprechungen Orientierung geben. Noch ist da nicht richtig viel zu sehen, aber das wird kommen.

Wenn Sie Menschen um die 30 oder 40 Jahre einen einfachen, praktischen Rat fürs gesunde Altern mitgeben könnten – welcher wäre das?

Mit 25 geht’s los: Die fantastische Intelligenz deiner Zellen, deines Stoffwechsels, deiner Organe beginnt schleichend abzubauen, die Regenerations- und Reparaturprozesse werden schwächer … schau dir das an! Und schöpfe daraus die Motivation, deine seelische und körperliche Fitness zu stärken!


Buchcover: Ab morgen juenger

Buchtipp:

Nina Ruge: „Ab morgen jünger! – Wie wir länger jung und gesund bleiben.“

Die Bestsellerautorin teilt neueste wissenschaftliche Erkenntnisse für ein längeres, gesundes Leben und gibt praxisnahe Tipps für den Alltag.

Hier geht’s zum Podcast von Nina Ruge:

„staYoung – Der Longevity-Podcast“