Ausgabe 04/26 -

Ernährung ohne Verbote – was wirklich zählt

Ernährung ist längst mehr als die Frage, was auf dem Teller landet. Sie beeinflusst Gesundheit und Wohlbefinden und ist zugleich geprägt von Trends und widersprüchlichen Informationen. Wir haben mit Ernährungstherapeutin Hanna Thuile über diese Spannungsfelder gesprochen.

Frau Thuile: Was macht eine Ernährungstherapeutin – und was unterscheidet sie von einer Ernährungsberaterin?

Hanna Thuile: Eine Ernährungstherapeutin begleitet Menschen mit Erkrankungen, bei denen Ernährung Teil der Behandlung ist, z. B. bei Diabetes, Magen-Darm-Erkrankungen, Allergien, Intoleranzen oder Essstörungen. Sie arbeitet individuell, evidenzbasiert und meist auf ärztliche Zuweisung, mit dem Ziel, Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Die Berufsbezeichnung ist geschützt, die Ausbildung staatlich geregelt und Teil des Gesundheitssystems. Eine Ernährungsberaterin dagegen ist kein geschützter Beruf. Sie arbeitet mit gesunden Menschen im Bereich Prävention, Wohlbefinden oder Lifestyle und bietet allgemeine Ernährungsempfehlungen ohne therapeutische Behandlung.

Mit welchen Anliegen oder Problemen kommen die meisten Menschen zu Ihnen?

Viele suchen Unterstützung bei Verdauungsbeschwerden, Unverträglichkeiten, Stoffwechselerkrankungen, aber auch bei Gewichtsproblemen, Erschöpfung, Heißhunger oder stressbedingtem Essverhalten. Oft geht es weniger um reine Wissensvermittlung als um alltagstaugliche, individuelle Lösungen. Zudem begleite ich Hobby- und Leistungssportlerinnen und -sportler bei der Optimierung von Leistungsfähigkeit, Regeneration und Wettkampfvorbereitung.


Welchen Einfluss hat Ernährung auf Konzentration und Leistungsfähigkeit im Berufsalltag?

Ernährung beeinflusst unsere mentale Leistungsfähigkeit stärker, als vielen bewusst ist. Ein möglichst stabiler Blutzucker sorgt dafür, dass wir konzentriert, ausgeglichen und belastbar bleiben. Unregelmäßige Mahlzeiten, zu wenig Flüssigkeit oder eine sehr einseitige Lebensmittelauswahl können Müdigkeit, Gereiztheit und Leistungseinbrüche begünstigen. Entscheidend ist vor allem der gesamte Lebensstil.

 

Welche typischen Ernährungsfehler beobachten Sie im Alltag häufig?

Viele Menschen lassen Mahlzeiten aus Zeitmangel, Stress oder zum Kalorieneinsparen aus, was später oft zu Heißhunger, unbewusstem Essen oder häufigem Snacken führt. Auch schnelles Essen erschwert die Wahrnehmung von Hunger- und Sättigungssignalen. Regelmäßige Mahlzeiten und ein bewusster Umgang mit Essen sind langfristig meist hilfreicher als strenge Regeln oder ständiger Verzicht. Vielen fällt es schwer, ausreichend Gemüse und Hülsenfrüchte zu integrieren. Häufig wird aus Gewohnheit zu Nudeln, Reis und Kartoffeln gegriffen; Alternativen wie Hirse, Gerste, Buchweizen oder Dinkel sind oft wenig bekannt.


Was steckt hinter emotionalem Essen – und wie geht man therapeutisch damit um?

Emotionales Essen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine erlernte Form der Emotionsregulation. Dabei wird Essen nicht aus körperlichem Hunger, sondern zur Beruhigung, Belohnung oder zum Stressabbau genutzt. In der Therapie geht es darum, diese Muster zu erkennen, Auslöser zu verstehen und alternative Strategien im Umgang mit Emotionen zu entwickeln, während gleichzeitig eine stabile, regelmäßige Ernährung aufgebaut wird.

Welche aktuellen Ernährungstrends halten Sie für sinnvoll, welche eher für kritisch?

Positiv ist das wachsende Interesse an pflanzenbetonter, ballaststoffreicher Ernährung, mehr Vielfalt und nachhaltigen Ernährungsweisen. Kritisch sehe ich Trends mit strengen Verboten, extremen Diäten oder vermeintlichen Wundermitteln. Die Wissenschaft spricht meist für Ausgewogenheit und langfristig praktikable Gewohnheiten statt für radikale Konzepte. Skeptisch sehe ich auch den übertriebenen Hype um stark verarbeitete Proteinprodukte sowie den leichtfertigen Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln. Diese können sinnvoll sein, sollten aber eine ausgewogene Ernährung ergänzen und nicht ersetzen.


Nehmen Laktoseintoleranz, Fruktoseintoleranz und Allergien wirklich zu oder ist das eher ein Trend?

Bei Allergien wird eine zunehmende Häufigkeit beobachtet, wobei die Ursachen noch nicht eindeutig geklärt sind (u. a. Umweltfaktoren, Hygienehypothese, Mikrobiom). Auch bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten spielen bessere Diagnostik und ein gestiegenes Bewusstsein eine Rolle. Gleichzeitig werden Beschwerden heute häufiger mit der Ernährung in Verbindung gebracht als früher. Wichtig ist eine professionelle Abklärung, bevor Lebensmittelgruppen eigenständig gemieden werden.


Übergewicht und Essstörungen nehmen bei Kindern und Jugendlichen zu. Wie sieht hier der therapeutische Ansatz aus?

Die Ernährungstherapie bei Kindern mit Mehrgewicht und Adipositas erfordert viel Fingerspitzengefühl. Im Fokus sollten nicht Gewicht oder Abnahme stehen, sondern ein gesundes Essverhalten und eine positive Körperwahrnehmung. Wichtig sind regelmäßige Mahlzeiten, klare Strukturen und ein entspanntes Vorleben durch die Erwachsenen. Dabei wird häufig mit den Eltern an familiären Essgewohnheiten und ihrer Vorbildfunktion gearbeitet. Bei Essstörungen ist eine frühzeitige Anbindung an Fachstellen wichtig, um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Medizin, Psychologie und Ernährungstherapie zu ermöglichen.

Welchen konkreten Ernährungstipp haben Sie für unsere Leserinnen und Leser?

Essen Sie abwechslungsreich, ausgewogen, möglichst frisch und alltagstauglich! Konzentrieren Sie sich weniger auf Ernährungstrends und mehr auf einfache Gewohnheiten, die sich dauerhaft umsetzen lassen. Die Basis sollten Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und vollwertiges Getreide bilden, ergänzt durch hochwertige Proteinquellen und Fette. Regelmäßige Mahlzeiten, ausreichendes Trinken, möglichst unverarbeitetes Kochen und Genuss sind entscheidend. Perfektion ist dabei deutlich weniger wichtig als Beständigkeit.

Persönliches – Hanna Thuile

 

Hanna Thuile studierte Ernährungswissenschaften (BSc, MSc) an der Universität Wien sowie Angewandte Ernährungstherapie (BSc in Health Studies) an der FH St. Pölten. Zu ihren Zusatzqualifikationen zählen u.a. die Mitgliedschaft beim Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) und der Österreichischen Gesellschaft für Sporternährung (OEGSE) sowie Fortbildungen in Frauen-gesundheit (FEM-Academy OG) und im Bereich Essstörungen (Frankfurter Zentrum für Essstörungen). Zudem ist sie zertifizierte Sporternährungsberaterin (ISMB-Austria) sowie Mitglied der FISI (Federazione Italiana Sport Invernali) und begleitet seit 2024 die Nationalmannschaft der Kunstbahnrodler. Seit 2019 ist sie Ernährungstherapeutin und Ernährungswissenschaftlerin mit eigener Praxis in Gargazon. Infos: www.ernaehrung-thuile.it