Ausgabe 01/22 -

Prognosen: der Blick in die Glaskugel

Wirtschafts- und Marktprognosen basieren auf dem Versuch, die menschliche Psyche von Milliarden Einzelwesen auf fünf Größen zu reduzieren: Wirtschafts-, Preis-, Geldmengen- Zinsen- und Finanzmarktentwicklung.

Foto: Helmuth Rier

Manche der Größen sind einfacher vorauszusagen, beispielsweise der Verlauf der Zinsen. Bei anderen, wie den Preisen der Energieträger, ist dies schwieriger, weil sie von geopolitischen Machtentscheidungen abhängen. Wiederum andere basieren auf Verhaltenstheorien, zum Beispiel die Konsumentenstimmung. 

 

Im Jahr 2022 werden die Prognosen unterschiedlicher denn je ausfallen. Die Corona-Pandemie wird uns sicher weiter begleiten und weitere Lieferengpässe hervorrufen. Geopolitische Streitigkeiten, vor allem mit Russland wegen der Ukraine, werden die Energiekrise weiter verschärfen und die Konsumentenpreise weiter nach oben treiben.

Die steigenden Lebenshaltungskosten (bei sinkender Kaufkraft) wird die Konsumlust der Europäer bremsen. Der Mangel an Halbleitern wird das Realwachstum weiter beeinträchtigen. Die Firmengewinne werden im kommenden Jahr unter verzögerten Auslieferungen, coronabedingten Fabrikschließungen und steigenden Faktorkosten leiden, was für die Aktienmärkte schlecht ist, aber im Finanzkreislauf ist noch viel Alt-Geld vorhanden. Die Anleihenmärkte werden aufgrund sinkender Interventionen der EZB weiter fallen. Hingegen expansiv bleiben wird 2022 die Haushaltspolitik der Staaten. Diese ist – trotz ausufernder Staatsschulden – von der Notwendigkeit getrieben, die Wirtschaft nachhaltig umzubauen. Unabwägbar bleiben die Auswirkungen des Klimawandels – aber das ist ein anderes Kapitel.


Dr. Martin von Malfèr,

Abteilung Finanzdienstleistungen, Raiffeisen Landesbank Südtirol AG