Ausgabe 03/26 -

Die Börse lebt von Menschen

Globale Krisen und bewaffnete Konflikte prägen derzeit die internationale Wirtschaftslage und sorgen für Unsicherheit an den Finanzmärkten. Wie sollten sich Anleger*innen in diesem Umfeld am besten verhalten? Börsenexperte Hans A. Bernecker, Referent beim diesjährigen Anlegersymposium des Raiffeisen InvestmentClubs, gibt Einblicke in die aktuelle Lage.

Sie analysieren die Entwicklung von Börsen nach Kriegen – welche Muster lassen sich immer wieder beobachten?

Hans A. Bernecker: Die Entwicklung einer Volkswirtschaft nach einem Krieg unterliegt anderen Voraussetzungen, Motiven und Zielen als in normalen Friedenszeiten. Das gilt leider seit jeher und lässt sich offenbar nicht vermeiden. Aktuelle Fälle wie Ukraine und Iran werden dies bestätigen. Die wirtschaftliche Erholung folgt anderen Kriterien und Maßstäben als in Friedenszeiten, unabhängig von der Größe des Konflikts. Daraus entsteht ein Verhaltensmuster in der Gesellschaft des betroffenen Landes, seines Umfelds und der Wirtschaft insgesamt, das aus den materiellen Kriegsfolgen einen neuen Aufbau sucht. Darin liegt die Dynamik des künftigen Verlaufs.

Welche Faktoren beeinflussen die Börsen?

Die Börse lebt von Menschen. Deren Gefühlen, Empfindungen, objektiven und subjektiven Wahrnehmungen sowie deren Umsetzung in der Verwendung von Geld. In Friedenszeiten entscheiden relativ objektiv messbare Fakten über die Einschätzung von Trends und Erwartungen. Eine Neuerung wie etwa KI führt in der Regel zu Übertreibungen, anschließend zu Korrekturen, woraus ein längerer Trend für alle entsteht. Dieses Prinzip gilt seit der Erfindung der Dampfmaschine als Beginn der Industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts. In der jüngeren Geschichte war die Erfindung des Computers durch IBM das Startsignal für den Technologiesektor.


Wie stark beeinflussen Emotionen und Psychologie die Märkte?

Die Einschätzung solcher Ereignisse wird von Emotionen und der Psychologie getragen, insbesondere von Erwartungen. In den letzten zwei Jahren ließ sich dies rund um KI hautnah verfolgen: Jede*r hat eine Meinung und möchte als Investor*in dabei sein. Die Amerikaner*innen sind hierbei die Schnellsten und haben am umfangreichsten investiert. Laut vielen Umfragen sind amerikanische Privatinvestoren, die alle für ihre Altersvorsorge anlegen, zu rund 80 % in den bekannten Technologiewerten investiert. Sie vertrauen auf ihre Unternehmen, deren Ziele und Ergebnisse. Deshalb sind die Amerikaner*innen inzwischen laut neuester Statistik pro Kopf gerechnet die Reichsten der Welt, erstmals vor der Schweiz.

Wie schätzen Sie die Folgen der aktuellen globalen Krisen auf die Finanzmärkte ein?

Nehmen wir das Beispiel Ukraine: Einen Sieg wird es in diesem Konflikt nicht geben. Es wird einen Frieden geben, mit dem beide Staaten umgehen müssen. Ab einer Waffenruhe beginnt der Wiederaufbau. Für die Ukraine werden hierfür Größenordnungen von 2 bis 2,5 Bio. Euro veranschlagt. Ob sich diese Größenordnung wirklich rechnet, weiß ich nicht. Für ein Flächenland mit geschätzt 36 Mio. Einwohnern (bereinigt um Flüchtlinge und Abtretungsgebiete) ergibt das ein Investitionsvolumen von ca. 10 bis 15 % des jährlichen BIP. Vergleichbar ist dies mit der Finanzierung der Euro-Staaten nach dem 2. Weltkrieg durch den Marshall-Plan.


Welche Rolle spielt Europa aktuell in diesem globalen Spannungsfeld?

Europa ist im Vergleich zu den USA und China, aber auch gegenüber Russland und künftig Indien als ökonomisches Schwergewicht klein geworden. In dieser Lage bedarf es einer sehr geschickten außenpolitischen Positionierung, die offensichtlich schwerfällt. 27 Nationen sollen von einer Administration oder Person vertreten werden, was schlicht nicht geht. Daraus lässt sich eine andere politische Linie entwickeln, die einer anderen Vertragskonstruktion bedarf. Die Ausgangslage dafür formulierten fünf deutsche Ökonomen in einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, die nicht angenommen wurde. Die Begründungen lassen sich heute noch nachlesen und sind bis zur Stunde vollumfänglich eingetroffen.

 

Was bedeutet Ihre Analyse für Anlegerinnen und Anleger?

Die Auswahl der Investments orientiert sich an der Qualität entweder im allgemeinen Trend, Beispiel KI, oder dem Sicherheitsinteresse der Anlage als Value-Investment mit Rendite. Diese Unterscheidung war in den letzten Jahren besonders ausgeprägt. Rund 70 % aller Anlageentscheidungen folgen den Kriterien großer Investoren wie Vorsorgeeinrichtungen, Investmentfonds und Versicherungen. Daher kommt es darauf an, sich dem jeweiligen Trend anzuschließen und mitzuspielen. Dies erfordert ein hohes Maß an Informationen in der Einzelbeurteilung. Der zurzeit größte Vermögensverwalter der Welt, BlackRock, verwaltet rund 14 Bio. Dollar, mehr als ein Drittel davon in ETFs, und ist in so gut wie allen Aktien investiert. Zusammen mit den anderen Großen addiert sich dies auf knapp 70 Bio. Dollar. Sie geben den Trend vor, dem es zu folgen gilt. Auf das Wie kommt es an.


Wie wichtig ist Diversifikation in der Geldanlage in einem Umfeld, das von Krisen geprägt ist?

Zur Geldanlage gehört die Diversifikation. Bewegliche Geister folgen den jeweiligen Trends. Simple Geister folgen gar keinem Trend und sparen in Geld (auf dem Sparbuch). Der Unterschied lässt sich in den vergangenen 10 Jahren gut nachvollziehen: Wer in den gängigen Qualitätsaktien investiert war, erwirtschaftete gegenüber dem Sparkonto (Anleihen) das 5,6-Fache. Das sagt alles über Aktien als das, was sie sind: Beteiligungen an lebenden Unternehmen, in denen gearbeitet wird und mithin ein Mehrwert entsteht.

Ihr wichtigster Tipp für Anleger*innen derzeit?

Mit der Zeit gehen, mit den entsprechenden Erkenntnissen und der konsequenten Entscheidung für den Weg, den man persönlich auch vorzieht. Aktien sind Risikokapital mit großen Chancen. Anleihen sind Verteidigungsinvestments ohne Chancen.


Persönliches – Hans A. Bernecker

Hans A. Bernecker zählt zu den renommiertesten Börsenexperten im deutschsprachigen Raum. Nach seinem Studium der Nationalökonomie in Köln und Hamburg entdeckte er früh seine Leidenschaft für die Börse und Aktienmärkte. Seit über 60 Jahren ist Bernecker einer der wichtigsten Köpfe im Team von „Die Actien-Börse“, dem Flaggschiff-Produkt der Bernecker Börsenbriefe. Diese zählen zu den erfolgreichsten und anerkanntesten Börsenpublikationen in Deutschland.