Generation Silberhaar: Nicht alt, sondern anspruchsvoll
Die Haare sind nicht grau, sie sind silber! Was früher als „alt“ galt, ist heute eine wachsende, anspruchsvolle und zahlungskräftige Zielgruppe für viele Märkte.
Unsere Gesellschaft wird immer älter, und die Zahl der Seniorinnen und Senioren wächst stetig. Doch halt – Senior*innen sagt man heute nicht mehr! Stattdessen ist von der Generation Silberhaar de Rede, wenn Menschen ab etwa 60 Jahren gemeint sind. Zwischen 2000 und 2050 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich um rund die Hälfte wachsen. Im selben Zeitraum steigt die Zahl der über 60-Jährigen um bemerkenswerte 330 Prozent. In Italien wird im Jahr 2050 mehr als ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein.
Mit dieser Entwicklung verändert sich auch unser Bild vom Alter. Studien zeigen: Viele fühlen sich 10 bis 20 Jahre jünger als ihr biologisches Alter. „Der wachsende Wohlstand hat dazu geführt, dass man sich nicht nur länger jung fühlt, sondern auch entsprechend lebt“, erklärt Zukunftsforscher David Bosshart, der sich mit Megatrends, Konsumverhalten sowie künstlicher und menschlicher Intelligenz beschäftigt. „Gleichzeitig steigt aber auch der Druck, ‚gut drauf zu sein‘. Im Tourismus und in der Gesundheitsbranche beobachten wir seit 30 Jahren einen starken Trend zu Wellness und Selbstoptimierung.
Langlebigkeit – Longevity – ist zum Kult geworden, dem man sich kaum entziehen kann.
Vielfalt statt Schublade
Der Begriff „Ruhestand“ ist längst überholt. Der Eintritt in die Pension ist heute kein Abstellgleis, sondern oft der Beginn einer Phase neuer Freiheit und Möglichkeiten. Die Kinder sind aus dem Haus, Kredite abbezahlt – jetzt ist Zeit für Hobbys, Reisen, Ehrenamt oder neue Lebenspläne. Das Bild des Mitt-50er, der sorgenfrei und mit viel Geld um die Welt reist, entspricht aber auch nicht der Realität.
Die Generation 60plus ist sehr heterogen. Viele fühlen sich als Individuen, die sich keiner Altersgruppe zuordnen lassen wollen. „Altersgruppen zu definieren hat etwas Künstliches“, sagt Bosshart. „Ich kenne eine 105-jährige Person, die in ihrer Art viel jünger ist als manche 55- oder sogar 25-Jährige.“ Deshalb sprechen Expertinnen und Experten zunehmend von Lebensstilen, Lebenswelten und Lebens- gefühlen statt von starren Alterskategorien.
Der Wert der kostbaren Lebenszeit
Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass man sich im letzten Lebensdrittel befindet und Lebenszeit knapp und kostbar ist. „Heute bedrückt uns, dass vor allem sehr teure Langzeitkrankheiten zunehmen. Wir müssen also vermehrt darauf achten, die unbeschwerten Jahre zu zählen“, sagt Bosshart. Studien zeigen, dass die Lebenszufriedenheit zwischen 40 und Anfang 70 stabil bleibt und oft sogar leicht ansteigt. Erst im höheren Alter ist tendenziell ein Rückgang zu beobachten.
Wir alle werden zu einer älteren Kundschaft
Dieses gesteigerte Bewusstsein zeigt sich auch im Konsumverhalten. Die „jungen Alten“ gelten als wählerisch und anspruchs-voll. Sie reisen viel, legen Wert auf Qualität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Vielen geht es finanziell gut; sie sind oft besser gestellt als die jüngere Generation – und verfügen daher über eine hohe Kaufkraft.
„Im Marketing haben wir mit den Babyboomern einen jahrzehntelang dauernden Aufschwung bei Markenartikel und Dienstleistungen erlebt, weil es viele Junge und wenige Alte gab“, sagt Zukunftsforscher Bosshart. „Wir haben aber seit über 20 Jahren immer weniger Junge, und nun werden die Alten zur wichtigsten und begehrten Zielgruppe, eben weil sie Zeit und häufig auch Geld haben.“ Immer mehr Unternehmen passen ihre Leistungen gezielt an über 50-jährige an, neue Produkte und Märkte entstehen. Besonders gefragt sind Leistungen im Tourismus, in der Gastronomie, der Gesundheitsbranche sowie in der Kosmetik- und Schönheitsindustrie. Doch auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen – etwa Urbanistik, Mobilität, Wohnungsbau oder Bildung – spiegelt sich die Dynamik der Überalterung zunehmend wider.
Finanzen & persönliches Umfeld
Die Generation 50plus interessiert sich aktiv für Geldangelegenheiten. „Mit dem Geld will gut umgegangen werden, schließlich sind die Bedürfnisse mit 70 anders als mit 30“, sagt Michael Santa, Vizedirektor der Raiffeisenkasse Schlern-Rosengarten. Bosshart unterstreicht: „Die wichtigste Frage, die man sich spätestens Anfang 50 stellen sollte, lautet: Wieviel Einkommen brauche ich im Alter? Die meisten von uns sehen das zu rosig. Untersuchungen zeigen, dass wir im Alter und nach der Pensionierung oft deutlich mehr brauchen, als wir uns vorstellen. Vor allem, wenn Nachholbedarf bei Hobbys, Ferien oder Beziehungsgestaltung besteht.“ Neben Finanzen sind auch Nachlassplanung bei Betrieben, Erbschaftsfragen, Pflegebedürftigkeit und Patientenverfügung zentrale Themen. Kapitalanlagen sollten regelmäßig geprüft werden. Dies gilt auch für Versicherungen – manche werden überflüssig, manche wichtiger.
Die Diskussion über die Alterung der Gesellschaft betrifft zunehmend auch Rentensysteme, Pflege und Lebensarbeitszeiten. Staaten reagieren mit Programmen und gesetzlichen Anpassungen, um den vielfältigen Herausforderungen gerecht zu werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Vermeidung von Altersarmut, der Finanzierbarkeit der Rente und einer ausreichenden Gesundheitsversorgung.
David Bosshart plädiert dafür, den Fokus nicht nur aufs Finanzielle zu legen: „Wichtiger erscheint mir das persönliche Umfeld, also die sozioökonomische Robustheit. Auf wen kann ich zählen? Wie groß ist mein verlässliches Beziehungsnetz? Mit mehr kinderlosen Paaren und Singles steigt der Wert der generationenübergreifenden Kleinfamilie, die sich gegenseitig stützt. Schon die Demographie lehrt uns: „Je weniger wir in Zukunft vom Staat erwarten, desto besser lernen wir, uns selbst zu arrangieren und neue Wege zu gehen.“

DAS SAGT DER EXPERTE: „60plus – neugierig und selbstbestimmt“
Michael Santa, Vizedirektor der Raiffeisenkasse Schlern-Rosengarten, erlebt ältere Bankkund*innen als erfahren und qualitätsbewusst.
Herr Santa, wie erleben Sie die heutige ältere Generation?
Michael Santa: Wir haben es nicht mit älteren Leuten im klassischen Sinne zu tun. Die sogenannten Best Ager sind fit, dynamisch und interessiert. Sie möchten lernen und haben auch einen gewissen Qualitätsanspruch. Sie sehen sich selbst nicht als alt oder als Rentner*innen – entsprechend möchten sie auch nicht so angesprochen werden.
Was beschäftigt Menschen in reiferen Lebensjahren?
Für viele stellt sich im Ruhestand die Frage: Reicht die Pension aus, um den gewohnten Lebensstandard zu sichern und die laufenden Ausgaben wie Miete, Heizung, Versicherung oder Lebensmittel zu decken? Später kommen oft gesundheitliche Einschränkungen hinzu, sodass Pflege- und Gesundheitskosten ebenfalls ein Thema werden. Auch die Nachlassplanung ist wichtig – idealerweise mit einem Testament, um alles geregelt zu hinterlassen.
Viele unterstützen ihre Kinder …
Ja, besonders beim Erwerb einer Immobilie.
Dabei sollte man sich jedoch immer die Frage stellen: Bleibt danach noch genug für mich selbst? Niemand möchte später seinen Kindern zur Last fallen. Deshalb rate ich, eine Pflegeversicherung abzuschließen, sie garantiert eine lebenslange Rente im Pflegefall.
Wie investieren die Best Ager?
Das hängt von der persönlichen Vermögenssituation ab. Generell neigen ältere Menschen dazu, ihr Vermögen werterhaltend anzulegen, weil Sicherheit eine große Rolle spielt. Geld, das längerfristig nicht benötigt wird, kann jedoch auch chancenreicher investiert werden.
Wie halten es die Best Ager mit der Digitalisierung?
Persönliche Beratung bleibt für sie zentral. Während manche sich mit digitalen Angeboten noch etwas schwer tun, sind andere technikaffin und offen, Neues zu lernen. Die Raiffeisen App ist mittlerweile so einfach und intuitiv gestaltet, dass viele Best Ager sie problemlos bedienen können.

