Ausgabe 02/15 -

„Die finale Patrone ist abgeschossen, aber …“

Der bekannte deutsche Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann über die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Märkte mit einer historisch einmaligen Liquidität zu fluten, über die Sparer als „Gekniffene“ und die Gefahr einer Liquiditätsblase.

Herr Lehmann, seit 2 Jahren versucht die EZB, die europäische Wirtschaft mit verschiedensten Maßnahmen wieder auf Vordermann zu bringen, allerdings erfolglos. Warum glaubt sie nun mit dem Ankauf von Staatsanleihen im großen Stil einen größeren Erfolg einzufahren?
Frank Lehmann: Es ist ihr fast letztes Mittel, oder: die finale Patrone ist abgeschossen. Aber immerhin: erste Erfolge sind da. Die ­Renditen der Staatsanleihen sinken, und der Euro verliert fast dramatisch an Wert. Nicht nur zum US-­Dollar. Damit sind die Voraussetzungen erfüllt, dass die sogenannte Realwirtschaft kosten­günstiger ihre Produkte auf den Weltmärkten anbieten und sich selbst (noch) billiger finan­zieren kann. Weil die Kreditzinsen weiter ­sinken. Ob die Rechnung der Notenbank aufgeht, steht in den Sternen. Auch weil die EZB im Gegensatz zur US-Notenbank (2009!) sehr spät zum Mittel des Anleiheankaufs gegriffen hat. Das kann sich rächen!

Überschreitet die EZB hinsichtlich dieser Maßnahmen ihre eigenen Kompetenzen? Würde im weiteren Sinne der Staatsanleihen-Kauf einer Staatsfinanzierung gleichkommen?

Frank Lehmann: Die Frage spaltet Politik und Wissenschaft. Beide Lager bekriegen sich heftig. Die EZB aber argumentiert, sie bewege sich mit der historisch einmaligen Liquiditätsflut voll im Rahmen ihres geldpolitischen Mandats, nämlich mittelfristig für Preisstabilität zu sorgen. Alle Aktionen sollen für (etwas) Inflation sorgen und eine Deflation, also sinkende Preis auf breiter Front, vermeiden. Ein gefährliches Spiel: denn Deflation „auf breiter Front“ vermag ich nicht zu erkennen. Insofern können die Maßnahmen über das Ziel hinausschießen und dem Euro-Raum mittelfristig eine satte Inflation bescheren, also deutlich mehr als die von der EZB gewollten 2 %. Denn: die Geister, die man rief, wird man (vielleicht) nicht mehr los …


Was muss in naher Zukunft bei den Banken geschehen, damit das investierte Geld der EZB auch wirklich bis zum Endverbraucher durchfließt?
Frank Lehmann: Die Banken müssten ihr Misstrauen gegenüber ihrer eigenen Zunft, vor allem aber gegenüber der Wirtschaft, ablegen. Die Angst vor Pleiten in der Finanz- und Realwirtschaft ist groß, vor allem in den südlichen Ländern des Euro-Raums. Was also machen die Banken? Sie bunkern das Zentralbank-Geld, polstern damit ihre Kapitaldecke auf, auch um gegen neue Finanzkrisen gewappnet zu sein. Viele scheuen einfach das unternehmerische Risiko, obwohl gerade dieses die Bugwelle des Erfolgs ist. Sagte schon der Dichter Fontane. Erst wenn die Südländer Erfolge der zum Teil drastischen Sparpolitik (Spanien, Portugal, Griechenland) aufweisen, werden die Institute die Geldtaschen wohl öffnen. So einfach kann man sich’s also machen …

Welche Folge hat die Liquiditätsflut für die Sparer?

Frank Lehmann: Der Sparer ist im Gegensatz zum Kreditnehmer der Gekniffene und muss für die EZB- Politik der „finanziellen Repression“ (der Zins bildet sich nicht mehr am Markt, sondern wird politisch gewollt und verordnet!) büßen. Mit Null- bis Minizinsen für seine klassische Geldanlage, also Sparbuch, Festgeld, Tagesgeld. Auch die Jahrzehnte stets mit solidem Zins versehenen Staatsanleihen stehen im Feuer, werfen kaum noch Rendite ab, deutsche Bundesanleihen sogar Negativzinsen. Der Sparer muss also, wenn er einigermaßen Ertrag für sein Erspartes haben will, verstärkt ins Risiko gehen. Und die Aktienmärkte locken mit rasanten Kursgewinnen und immer neuen Rekordständen. Doch Vorsicht: die Gefahr von massiven Rückschlägen ist groß.


Wie würde eine Alternative aussehen, wenn die EZB diese Liquiditätserhöhung abschaffen würde? Würde das System überleben?
Frank Lehmann: Wohl kaum, weil die EZB als mittlerweile vierte Gewalt im Staat das Heft des Handelns von der Politik in die Hand genommen und wesentlich zur Beruhigung der Finanzmärkte beigetragen hat. Und die Politik lässt sie gewähren, ist fast ohnmächtig und handlungsunfähig.

 

Es lässt sich erkennen, dass vermehrt in Aktien- bzw. Immobiliengeschäfte investiert wird, besteht die Gefahr einer Liquiditätsblase?
Frank Lehmann: Die Gefahr ist groß, und sie ist gegenwärtig. Mit billigem Geld sind Immobilien gekauft worden, die unter „normalen“ Verhältnissen nie getätigt worden wären. Auch in den Aktien- und vor allem den Anleihemärkten ist durch das Doping Liquidität viel heiße Luft drin. Die könnte massiv entweichen und die Blase platzen, wenn die Zinswende kommt. In den USA wird das Geld im Sommer teurer. Das heißt, die Notenbank FED wird erstmals seit Jahren die Zinsen erhöhen. Das ist fast schon ­sicher, weil die US-Konjunktur blendend läuft. Im Euro-Raum wird es dagegen noch lange ­billiges Geld geben. Das heißt auch, dass der Dollar im Aufwind bleiben und der Euro weiter schwächeln dürfte. Die Notenbanken müssen daher für einen „geschmeidigen“ Übergang ­sorgen. Das ist ihre eigentliche Herausforderung, um Verwerfungen (Crash!) an den Finanzmärkten zu vermeiden.

Frank Lehmann

Frank Lehmann, geboren 1942 in Berlin, ist ein deutscher Wirtschaftsjournalist mit dem Schwerpunkt Börse. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Frankfurter Rundschau studierte Lehmann Betriebswirtschaftslehre und volontierte in Frankfurt/Main bei der Wirtschaftsnachrichtenagentur vwd. Ab 1989 moderierte er regelmäßig Börsen-Berichterstattungen in verschiedenen ARD-Sendungen und war Initiator der Sendung „Börse im Ersten“, welche eine der erfolgreichsten TV-Börsensendungen Europas ist. Nach seiner Tätigkeit für die ARD gibt er seine Kenntnisse über Börsenpsychologie und Anlegerverhalten in Vorträgen weiter.


Foto: Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann:
In den Aktien- und Anleihemärkten ist durch das Doping Liquidität viel heiße Luft drin.

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Veranstaltungshinweis

Am 4. Mai 2015 findet im Forum Brixen die 15. Auflage des Anlegersymposiums unter dem Motto „Sport und Wirtschaft! Erfolgs­strategien im Auf und Ab“ statt. Dabei referieren der deutsche Börsenfachmann Frank Lehmann zu dem Thema „Das süße Gift des billigen Geldes. Warum alte Rezepte nicht mehr erfolgreich sind“ sowie der Sportpsychologe Prof. Dr. phil. Jan Mayer zu dem Thema „Höchstleistung! Strategien aus der Welt des Spitzensports“. Beginn der Veranstaltung ist um 19.00 Uhr. Die Veranstaltung ist Mit­gliedern des Raiffeisen InvestmentClubs vorbehalten.

Mehr dazu unter: www.investmentclub.it