Ausgabe 04/15 -

„Banken brauchen wieder mehr Eigenkapital“

Als ehemalige Bankerin arbeitete Susanne Schmidt bis zum Börsencrash 2008 in der Londoner City als Finanzjournalistin. Der schnelle, tiefe Fall der Banken und ihr noch schnelleres „Wiederaufstehen“ hat die Tochter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt zum Umdenken bewegt. Beim Kongress „Think more about – Tage der Nachhaltigkeit“ sprach sie im Mai in Brixen.

Frau Schmidt, eine provokante Frage an die Finanzexpertin und ehemalige Bloomberg-­
TV-Journalistin vorneweg: Ist das Credo des „freien Marktes in Reinkultur“ nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 überholt?

Susanne Schmidt: Man muss da schärfer präzisieren. Wenn Sie den „freien Markt“ innerhalb gewisser Regularien, Regeln, Gesetzgebungen von Seiten des Staates oder von Seiten der internationalen Gemeinschaft meinen, dann glaub ich, dass der freie Markt nicht tot ist. Das würde ich so unterschreiben. Aber wenn mit freier Markt der ungezügelte Markt gemeint ist, der alles besser weiß und der behauptet, er wird’s schon zu unser aller Wohl richten, dann muss ich sagen: dieses Credo hat sich zur Zeit erst einmal für ein paar Jahre verabschiedet. Hoffentlich kommt es nicht wieder, aber wer weiß das schon so genau.

Nehmen wir den „zügellosen Markt“ her. Diesen wollte die Europäische Union nach diversen Bankenpleiten in Bahnen lenken und hat die Europäische Bankenunion eingeführt. Hat man da den richtigen Weg eingeschlagen?

Susanne Schmidt: Ich denke, im Prinzip ist es der richtige Weg. Wenngleich die Banken­union – so wie sie jetzt aussieht – ein sehr, sehr ­kleiner halbherziger Trippelschritt ist. Aber es ist die richtige Richtung. Wir brauchen eine zentrale Bankenaufsicht, die ist jetzt für die großen Banken bei der EZB angesiedelt. Das war pragmatisch richtig, weil das eine Institution ist, die funktioniert. Aber es gibt Interessenkonflikte, und deswegen müsste die Kontrolle eigentlich bei der EBA, der Europäischen Banken­aufsicht, angesiedelt werden. Die ist aber noch lange nicht so weit, sie hat im Moment nicht die Expertise. Wir haben ein sogenanntes gemeinsames Resolutionsregime, das Banken saniert und auflöst, wenn sie nicht mehr zu halten sind. Hier haben die Nationalstaaten noch keine wirkliche Entscheidungsbefugnis abgegeben, insofern besteht das Regelwerk nur auf dem Papier. Drittens bräuchte man eine Einlagen­sicherung. Die einzuführen, hat man sich aber nicht getraut. Also es ist alles in allem ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. So wie die Bankenunion jetzt aber da steht, taugt sie noch nicht viel.

Ob Kleinbanken oder Großbanken – alle „meckern“ im Moment über die Bankenunion. Trotzdem bestehen große Unterschiede zwischen den Banken. Bringen die neuen Regelungen deswegen neben Verlierern auf lange Sicht nicht auch Gewinner auf der Bankenseite?

Susanne Schmidt: Wenn ich mir die Banken so anhöre, gibt es nur Verlierer. Alle schimpfen, alle schreien und meckern, wie Sie sagen. In gewisser Weise aber auch zu Recht. Denn die Regulierungen haben einen unglaublichen bürokratischen Wust mit sich gebracht. Die „Großen“ stört daneben natürlich auch das Prinzip, dass grundsätzlich mehr Eigen­kapital vorhanden sein muss. Denn das schmälert ihre Eigenkapitalrendite.

Ist es überhaupt realistisch, dass die mächtige globale Hochfinanz sich voll unter ein zentrales Regelwerk stellt?

Susanne Schmidt: Also man muss zwischen den großen systemisch relevanten Banken und den kleineren Regionalbanken deutlich unter­scheiden. Wenn letztere, also Volksbanken, Sparkassen, Raiffeisenbanken, und andere Genossenschaftsbanken mal Pleite gehen ­sollten, dann ist das zwar für die Region schlimm, aber es geht nicht darüber hinaus. Wenn aber in einer der Großen, etwa JP Morgan, Deutsche Bank, BNP Paribas oder auch HBSC die Lichter ausgehen, dann wackelt der gesamte Globus. Diese starken Unterschiede müssten in einem zentralen funktionierenden Regelwerk
berücksichtigt werden.

Sie sprachen bei der Nachhaltigkeitstagung „Think more about“ in Brixen. Würden Sie Genossenschaftsbanken prinzipiell als „nachhaltig“ bezeichnen?

Susanne Schmidt: Wenn man das so salopp und grob überhaupt sagen kann, dann denke ich, dass man finanzwirtschaftlich am ehesten bei derartigen Banken von Nachhaltigkeits­strategien sprechen kann.

Foto: Susanne Schmidt beim Nachhaltigkeits­­kongress „Think more about“ in Brixen. Die Finanzexpertin fordert eine effizientere Regulierung der Banken.
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Passen die Schlagworte Nachhaltigkeit und Finanzwirtschaft für Sie zusammen?

Susanne Schmidt: Also ich denke, die Finanzbranche kann sehr wohl nachhaltig sein, wenn sie sich als Dienstleister für die Realwirtschaft versteht und wenn sie sich verantwortungsvoll verhält. Wenn also etwa das Konzept der „Stakeholder“ berücksichtigt wird. Das ist dann der Fall, wenn sich das Unternehmen seinen Mitarbeitern, seinen Kunden, seinen Partnerunternehmen und der Region als Gesamtes gegenüber sich als „guter Bürger“ verhält. Im Gegensatz zur Hochfinanz und zu den globalen Banken, die sich nichts anderem verpflichtet fühlen als dem Gewinn, der Aktienperformance und der eigenen Vergütung. Da klafft eine riesige Lücke.

Zur Person

Susanne Schmidt, geboren 1947 in Hamburg, ist promovierte Volkswirtin und arbeitete über 30 Jahre lang für internationale Banken in London und war zuletzt Moderatorin beim Börsen­sender Bloomberg-TV. 2009 verlor sie infolge des Ausbruchs der Wirtschaftskrise ­ihren Job in der Londoner City. Susanne Schmidt ist ­Autorin von Büchern und Artikeln. Für ihr erstes Buch „Markt ohne Moral“, das wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, erhielt sie den deutschen Wirtschaftspreis. In ihrem Buch „Das Gesetz der Krise“ erläutert und kritisiert sie die teils verstörenden Mechanismen des Bankensystems.

Susanne Schmidt ist die Tochter des deutschen Altkanzlers Helmut Schmidt. Aktuell lebt sie mit ihrem Mann in Kent, im Südosten Englands.