Ausgabe 01/26 -

Finanzielle Bildung – gut fürs Leben

Finanzielle Bildung beginnt früh – und begleitet ein Leben lang. Sie bedeutet, Kindern von klein auf den verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu vermitteln – zunächst spielerisch, später immer konkreter. Doch nicht nur die junge Generation hat Nachholbedarf – auch Erwachsene haben häufig Lücken im Finanzwissen.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr – und was Hans nicht weiß, kann er auch seinem Hänschen oder Gretchen nicht beibringen. Finanzielle Bildung richtet sich daher in erster Linie an Kinder und Jugendliche, fordert aber zugleich Eltern, Lehrkräfte und die ältere Generation.

 

Eine Umfrage der EU-Kommission aus 2023 zeigt: Nur rund die Hälfte der EU-Bürgerinnen und -Bürger verfügt über durchschnittliches Finanzwissen; nur weniger als jede*r Fünfte erreicht ein hohes Niveau. Laut dieser Studie haben vor allem Frauen, junge Menschen, Personen mit geringem Einkommen und Menschen mit einem niedrigen Bildungsgrad Wissenslücken. In Italien sieht die Lage nicht besser aus. Laut dem EduFin Index 2024, der Wissen über Geld und den Umgang damit bewertet, gehört Italien zu den Schlusslichtern in Europa in Sachen Finanzbildung.

 

Südtirol liegt mit 57 von 100 Punkten nur einen Zähler über dem italienischen Durchschnitt – 60 Punkte gelten als Schwelle für ein ausreichendes Niveau. Auch die jungen Südtirolerinnen und Südtiroler schneiden nicht besser ab. Die PISA-Studie 2022 zeigt, dass die Finanzkompetenz in den letzten zehn Jahren über alle Schultypen hinweg gesunken ist und unter dem Mittelwert der OECD-Staaten liegt. Viele Schülerinnen und Schüler können Fragen wie „Wie nimmt man einen Kredit auf?“, „Was ist eine Steuererklärung?“ oder „Was ist ein Zusatzrentenfonds?“ nicht beantworten.


Finanzielles Wissen als Schlüsselkompetenz

Finanzielle Bildung ist wichtig. Sie vermittelt nicht nur Wissen über Geld, sondern auch Werte, Einstellungen und Denkweisen im Zusammenhang mit finanziellen Entscheidungen, Vermögensaufbau und Geldanlage. Sie sensibilisiert für Lebens- und Finanzrisiken, zeigt die Notwendigkeit der richtigen Absicherung auf und hilft, Überschuldung zu vermeiden.

 

Kurz gesagt: Finanzielle Bildung ist eine zentrale Lebenskompetenz. Sie öffnet den Zugang zu finanzieller Unabhängigkeit und Wohlstand. Unabhängig vom Beruf, für den sich junge Menschen entscheiden, sind finanzielle Fähigkeiten immer von Vorteil – und auch im Privatleben unverzichtbar. Denn fast jede Entscheidung im Alltag hängt eng mit Geld zusammen.

Initiativen für mehr Finanzkompetenz

Zahlreiche Programme stärken bereits heute das Bewusstsein für Finanzwissen. Die italienische Zentralbank Banca d’Italia bietet spezielle Programme für Schulen, Lehrkräfte und Erwachsene an. Auch die EU-Kommission fördert Initiativen, um Bürgerinnen und Bürger zu ermutigen, ihr Geld gewinnbringend zu investieren. In Südtirol haben Politik und Bildungseinrichtungen den Handlungsbedarf erkannt und unterstützen vor allem mit Informationsangeboten. Eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Finanzkompetenzen spielen Schulen.

 

2019 wurde in Italien per Gesetz der Lernbereich „Gesellschaftliche Bildung“ eingeführt, sodass Lehrpläne nun auch Inhalte aus Wirtschaft und Finanzen aufnehmen können – eine große Chance für die Finanzielle Bildung.


Zahlreiche Maßnahmen

Der Raiffeisenverband Südtirol und die Raiffeisenkassen verfolgen seit Jahren das Ziel, Kinder und Jugendliche frühzeitig für einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu sensibilisieren.

 

„Wir haben ein umfassendes Maßnahmenpaket geschnürt, um Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrkräfte in der finanziellen Bildung zu unter­stützen“, sagt Josefine Tinkhauser, Projektverantwortliche für Finanzielle Bildung im Raiffeisenverband. Das Maßnahmenpaket (einsehbar unter: www.raiffeisen.it/finanzielle-bildung) reicht von Übungsspielen über altersgerechte Broschüren und Unterrichtsmaterialien – entwickelt mit der Pädagogischen Abteilung der Deutschen Bildungsdirektion – bis hin zu TikTok-Erklärvideos, digitalen Finanzchallenges und Infoabenden. „Für alle Ziel- und Altersgruppen gibt es passende Angebote. Unser ganzheitlicher Ansatz soll Interesse an Wirtschafts- und Finanzthemen wecken sowie relevante Kompetenzen und eine reflektierte Einstellung zu Geld vermitteln“, sagt Tinkhauser.


Finanzbildung erlebbar machen

Seit Jahrzehnten motiviert die Sparbiene Sumsi die Kleinsten zum Sparen. Mit der Spar-App ROBi Junior wird spielerisches Lernen von Finanzwissen digital ermöglicht. Viele Raiffeisenkassen arbeiten eng mit Schulen zusammen, organisieren Veranstaltungen und Übungsfirmen rund um Finanzthemen. „Die finanzielle Bildung junger Menschen ist Teil des Förderauftrags der Raiffeisenkassen“, betont Markus Moriggl, Direktor der Raiffeisenkasse Obervinschgau. „Wir lassen Schulklassen gerne hinter die Kulissen des Bankgeschäfts blicken.

 

Dabei lernen Jugendliche die Aufgaben einer Bank und verschiedene Berufsbilder kennen.“ Gleichzeitig werden praktische Themen wie Geld anlegen, Einnahmen und Ausgaben managen, Versicherungen oder Kredite vermittelt – so bekommt Geld für Kinder und Jugendliche ein Gesicht. „Dabei bin ich oft überrascht von den pragmatischen Fragestellungen der Schüler*innen und ihrer Neugierde“, sagt Moriggl lachend.

Fokus auch auf Eltern

Junge Menschen übernehmen oft das Geldverhalten ihrer Eltern, die eine Vorbildfunktion haben.  „Deshalb ist es unser Ziel, auch die Eltern, insbesondere die Mütter, für Finanzthemen zu sensibilisieren,“ betont Tinkhauser. 2025 wurde erstmals von Raiffeisen gemeinsam mit den Eltern-Kind-Zentren ein kostenloser Online-Vortrag für Mütter angeboten. Moriggl ergänzt: „Noch nie war es so leicht, sich selbstständig zu informieren.“ Online-Tutorials, Podcasts, Finanzrechner u.a. bieten viele Informationen, die jedoch oft kaum genutzt werden und nicht immer verlässlich sind. „Eine solide finanzielle Grundbildung hilft, seriöse von unseriöser Beratung zu unterscheiden – eine Fähigkeit, die heutzutage immer wichtiger wird“, resümiert Moriggl.

Im Bild: Direktor Markus Moriggl mit jungem Bankbesucher.

DAS SAGT DER EXPERTE: Früh übt sich

Bankdirektor Markus Moriggl über Schulbesuche, überraschend reife Erwartungen und warum Kinder Erwachsenen oft voraus sind. Markus Moriggl ist seit 2013 Direktor der Raiffeisenkasse Obervinschgau und legt großen Wert auf Finanzbildung.

Herr Moriggl, welcher Zeitpunkt ist ideal, um mit Finanzbildung zu beginnen?

Markus Moriggl: Sobald Kinder zählen und mit Einheiten umgehen können, lässt sich Finanzwissen spielerisch vermitteln. Mit steigendem Alter lassen sich die Inhalte spannender und realitätsnaher beibringen.

Wie erleben Sie den Austausch mit Schüler*innen?

Es ist immer schön zu sehen, wie sich Kinder mit Wünschen und den Kosten von Wünschen beschäftigen. Ich frage sie oft, was sie mit 18, 30 oder 70 Jahren haben möchten. Die Offenheit der Kinder ist enorm spannend. Viele formulieren sehr realis- tische Wünsche: ein Auto, ein eigenes Zuhause, Ausbildung, Beruf, Familie und später eine sichere Pension. Kinder sind oft klarer als Erwachsene, da sich viele Erwachsene in gewissen Situationen nicht öffnen möchten.

 

Betrifft Finanzbildung nur junge Menschen?

Nein, sie ist für alle Altersgruppen wichtig. Es ist in unserer Kultur leider verankert, nicht viel über Geld zu reden. Dabei schafft Finanzwissen die Grundlage für selbstbestimmte Entscheidungen und langfristige Sicherheit.

Studien zeigen, dass manche Bevölkerungsgruppen mehr wissen, andere weniger …

Zu uns kommen die unterschiedlichsten Menschen – vom durchschnittlichen Südtiroler bis zur Erbschafts-Millionärin oder Personen, die durch Fehlentscheidungen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. In Schubladen zu denken ist dabei wenig hilfreich. Manche sind gut informiert, unab-hängig vom Bildungsgrad, und suchen den Austausch mit dem/der Bankberater*in. Andere empfinden Finanzthemen als belastend und beschäftigen sich ungern damit.

 

Und wie ist es speziell bei den Frauen?

Es gibt ein Vermögensgefälle zwischen Mann und Frau. Im Durchschnitt haben Männer mehr Ersparnisse, mehr Anlagen und besser vorgesorgt. Das ist sehr bedenklich. Wir bieten deshalb gezielt Finanzbildung für Frauen an, um dem entgegenzuwirken.