Ausgabe 01/16 -

Von wegen Homo oeconomicus!

Mit dem Bild des rein ökonomisch denkenden Durchschnittsmenschen versuchten Wirtschaftswissenschaftler lange Zeit das (Finanz-)Marktgeschehen zu erklären. Wir haben Verhaltensökonom Professor Matthias Sutter dazu befragt.

Herr Professor Sutter, ist der Mensch nun ein Verstandeswesen oder nicht?
Matthias Sutter: Ja, aber nicht nur: Das Bild des reinen „Homo oeconomicus“, der völlig rational handelt und seinen Eigennutzen maximiert, ist überholt. In eine Entscheidung spielen auch viele andere Faktoren und Emotionen hinein, dies gilt auch für Geldentscheidungen.

Höhere Renditen lassen sich in der Regel nur durch höhere Risiken erwirtschaften. Fördert dies zwangsläufig die Risikobereitschaft?
Matthias Sutter: Beim Abwägen zwischen risikoarmen Anlagen mit geringen Erträgen und riskanten mit höheren erwarteten Erträgen können sich Anleger auch für das geringe Risiko entscheiden. Die aktuelle Lage führt also nicht zwangsläufig zum Eingehen gezielter Risiken.

Was passiert, wenn sich Gier und Verlustängste gegenüberstehen?
Matthias Sutter: Beide können eine problematische Allianz eingehen. Gier führt häufig zum Eingehen höherer Risiken. Wenn diese zu Ver­­lusten führen, neigen Menschen tendenziell dazu, noch höhere Risiken einzugehen, um die Verluste potenziell wieder wettzumachen. Das führt nicht selten zu noch höheren Verlusten.

Studien belegen, dass Verluste etwa doppelt so stark wiegen wie gleich hohe Gewinne …
Matthias Sutter: Verlustaversion hat damit zu tun, dass Menschen ­Dingen, die sie schon besitzen, einen höheren Wert beimessen als jenen Dingen, die sie noch nicht ­besitzen. Das führt bei Anlagen dazu, dass bereits bei kleinen Verlusten das Risiko deutlicher wahrgenommen wird, als wenn bei der Anlage alles positiv verläuft.

Zur Person

Matthias Sutter ist Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Innsbruck. In Experimenten erforscht er die Gründe für menschliches Verhalten.