Ausgabe 02/15 -

„In einem gewissen Sinn Miteigentümer“

Michael Obrist über Rechte und Pflichten der Mitglieder in einer Raiffeisenkasse, und warum sie heute nur ein geringes Risiko eingehen.

Warum sollten Herr und Frau Südtiroler Mitglied werden?

Michael Obrist: In erster Linie wird man durch die Mitgliedschaft in einem gewissen Sinn Miteigentümer einer Bank. Verbunden damit ist das Recht, mitzubestimmen, den Jahresabschluss zu genehmigen, die Organe zu wählen und auch selbst gewählt zu werden. Man hat auch Kontrollrechte und entscheidet über eine Gewinnausschüttung. Letzteres kommt in der Praxis aber selten vor. Die Gewinne bleiben in der Regel im Unternehmen und dienen der Kapitalausstattung.

 

Hat man von einer Mitgliedschaft auch finanzielle Vorteile?

Michael Obrist: Eine Genossenschaftsbank ist auf Mitgliederförderung ausgerichtet und bietet den Mitgliedern entsprechende Bank- und Finanzdienstleistungen. Die Konditionen bestimmt jede Raiffeisenkasse selbst; für die Mitglieder werden oft bessere Konditionen angeboten. Zudem haben Mitglieder beispielsweise Anrecht auf eine exklusive Krankenversicherung. Daneben ergreifen Raiffeisenkassen auch andere gesellschaftliche Initiativen, von denen die Mitglieder profitieren.

Hat ein Mitglied auch Pflichten?

Michael Obrist: Jedes Mitglied muss sich am Gesellschafts­kapital beteiligen, also den Gegenwert der gezeichneten Aktien und den Aufpreis einzahlen. Das sind bei einer Raiffeisenkasse aber im Verhältnis geringe Summen. Mit diesen Beträgen haftet das Mitglied auch für eventuelle Verbindlichkeiten der Bank.

 

Früher hafteten die Mitglieder mit ihrem Vermögen.

Michael Obrist: Das hat sich mit dem neuen Bankwesengesetz von 1993 geändert. Zuvor hafteten Mitglieder nicht nur mit dem Geschäftsanteil für Verbindlichkeiten der Bank, sondern mit dem gesamten Privatvermögen.

 

Wieso nahm jemand so ein Risiko auf sich?

Michael Obrist: Die Raiffeisenkassen waren früher hauptsächlich vom Prinzip der Gegenseitigkeit und der Hilfe zur Selbsthilfe geprägt: Die einen gaben das Geld, die anderen liehen es aus. Die Tätigkeit war auf den Ort beschränkt und somit überschaubar. Diejenigen, die Vermögen hatten, hatten nicht zuletzt auch ein gewichtiges Wort bei Kreditentscheidungen mitzureden. Die Identifikation mit der Bank war groß, die Mitgliedschaft gehörte zum ­wirtschaftlichen Leben dazu.