Ausgabe 06/20 -

„Die Börse ist kein Kindergeburtstag!“

„Ich vergleiche mich mit einem fachkundigen Gärtner, der genau zur richtigen Zeit säen und pflanzen muss, um eine gute Ernte einzufahren.“

Foto: Nina Wellstein

Sie war Bestsellerautorin und Deutschlands bekannteste Aktionärin: Beate Sander. Die Börsenexpertin, auch liebevoll „Börsen-Oma“ genannt, erlag im Alter von 82 Jahren am 28. September ihrem schweren Krebsleiden. Auch noch in den Wochen vor ihrem Tod war sie an der Börse aktiv und handelte mit Aktien. Sogar einen neuen Rekordstand konnte sie bei ihrem Depot melden: 2,8 Millionen Euro. Dabei ging es ihr nie um Geld. „Ich wollte nur zeigen, dass meine Strategie funktioniert“, sagte Sander. Wie diese konkret aussieht, teilte sie zu Beginn des Jahres in folgendem exklusiven Interview für den Raiffeisen InvestmentClub mit.


Frau Sander, Sie stehen dafür, dass man sich auch mit kleineren Geldbeträgen, die an der Börse richtig investiert werden, ein beachtliches Vermögen aufbauen kann. Dazu haben Sie die Hoch/Tief-Mut-Strategie entwickelt. Was kann man sich darunter vorstellen?
Beate Sander: Es geht um eine Langzeitstrategie mit kleinen und großen, in- und ausländischen Aktien unterschiedlicher Branchen mit möglichst vielen Titeln aus dem Value- und Growth-Bereich. Meine Erfindung beruht auf der Tatsache, dass jeder, der mindestens 14 Jahre lang breit gestreut in Aktien angelegt hat, immer zu den Siegern zählte. Pro Jahr im Schnitt mindestens 5 %, im Durchschnitt 8 %, mit Glück und Können 10 % bis 15 %. Die Börse ist aber kein Kindergeburtstag.


Nennen Sie uns bitte die wichtigsten Grundsätze der Hoch/Tief-Mut-Strategie!

Die wichtigsten Schritte meiner Hoch/Tief-Mut-Strategie sind:

  • Möglichst viele Titel, mehr als 20 verschiedene Aktien, gern auch 50 und mehr.
  • Langfristig anlegen mit dem Ziel, die Aktien für immer zu behalten.
  • Nicht unter 1.000 Euro anlegen, damit sich die Transaktionskosten rechnen und später Teilverkäufe möglich sind, aber auch Zukäufe nicht zur Klumpenbildung führen.
  • Preisgünstig bei Kursschwäche einsteigen und zukaufen. Mit hohen Kursgewinnen möglichst über 100 % nur einen Teil verkaufen nach dem Motto: „Die besten Pferde bleiben im Stall!“
  • Den größten Teil in fair bewertete, defensive, dividenden- und substanzstarke, internationale Value-Aktien anlegen, also solche Titel, wie sie Warren Buffett liebt. Gegessen, getrunken, geputzt, geheizt, gepflegt wird auch in Krisen.
  • Den kleineren Teil in offensive, wachstumsstarke, konjunkturabhängige Growth-Aktien investieren, also Aktien aus den Zukunftsmärkten Hochtechnologie, Biotech, Medtech, Halbleiter, Software. Die Zukunftsmusik spielt in der Künstlichen Intelligenz mit Robotik, der digitalisierten und vernetzten Welt, der Industrie 4.0 mit dem Internet der Dinge.

Wie muss ein Anleger vorgehen, der nachhaltige Investments hoher Qualität finden und eine gute Rendite erwirtschaften möchte?
Dazu muss ich entsprechende Fachliteratur lesen und mich in der aktuellen Wirtschafts- und Börsenpresse in Print und Online informieren. Über nachhaltig wirtschaftende Familienfirmen habe ich ein neues Buch geschrieben.

Wie sehen Sie ein nachhaltiges Investment? Ist das nur ein neues Geschäftsmodell, oder können Anleger tatsächlich damit die Welt besser machen?
Mit dem Eigenkapital, das nachhaltig wirtschaftende, börsennotierte Gesellschaften mit unseren Aktienkäufen erwerben, können sie zur Abwehr der drohenden Erderwärmung und des CO2-Ausstoßes ihre Infrastruktur verbessern und andere umweltfreundliche Geschäftsmodelle weiter vorantreiben. So ist es möglich, mehr Kapital für Forschung, Entwicklung, Investitionen, nachhaltige Beteiligungen und eine intakte Unternehmenskultur einzusetzen.

Nicht jeder hat die Zeit, sich intensiv und fortlaufend mit dem Börsengeschehen und Aktienbewertungen zu befassen. Was raten Sie diesen Anlegern?
Bei kleinem Geldbeutel, wenig Börsenwissen, Zeit und Lust kann man auch mit den passiv gemanagten, sehr preiswerten ETFs, die einen Index abbilden, sein Ziel erreichen. ETFs gewinnen zwar nie gegen ein Börsenbarometer, aber sie verlieren auch nicht. Der Vorteil liegt darin, dass mit wenigen ETFs breit gestreut wird und sich alle wichtigen Märkte abdecken lassen.