Ausgabe 06/15 -

„Wir haben unseren Traum vom eigenen Geschäft verwirklicht“

Marion und Sonja Vötter sind Unternehmerinnen. Und damit eine Minderheit.
Denn noch immer ist nur rund ein Fünftel der Unternehmen in Südtirol weiblich.
Das soll anders werden.

Aktuell verzeichnet die Handelskammer Bozen rund 6.800 „weibliche“ Betriebe in der gewerblichen Wirtschaft. Das sind etwa ein Fünftel der heimischen Unternehmen. Dazu zählen Einzelunternehmen im Besitz einer Frau oder Gesellschaften, die zu mehr als der Hälfte aus Frauen bestehen oder mehrheitlich im Besitz von Frauen sind. „Da ist noch Luft nach oben“, sagt Paulina Schwarz. Schwarz ist seit 17 Jahren selbstständig tätig, kurz nachdem ihre Zwillinge zur Welt kamen. Die studierte Juristin gründete das Beratungsunternehmen „Pronorm Consulting“ mit heute 20 Mitarbeitern.

Zudem ist Schwarz seit nunmehr 20 Jahren im Ver­waltungsrat der Raiffeisen­kasse ­Mölten, 17 davon als Obmannstellvertreterin und seit vier Jahren im Verwaltungsrat des Raiffeisenverbandes. Durch dieses Amt kam sie zu einer weiteren Aufgabe: Schwarz ist die Vorsitzende des Beirates zur Förderung des weiblichen Unternehmertums.

Diesen bei der Handelskammer eingerichteten Beirat gibt es seit 2013 und er soll beitragen, das weibliche Unternehmertum zu fördern, die Gründung von Unternehmen durch Frauen zu forcieren, die Qualifizierung von Unternehmerinnen und Frauen in Führungs­positionen zu fördern und ganz allgemein die Position der Frauen in den Unternehmen zu stärken.


Den Schritt wagen

Ein gelungenes Beispiel eines Frauenunternehmens ist die Schlernfrucht OHG der Geschwister Vötter aus Völs. Marion hatte in einem Gemüseladen an gleicher Stelle gearbeitet und ihre Lehre gemacht, bevor sie für einige Jahre aus Seis wegzog. Danach erfuhren die Schwestern, dass ihr Vorgänger zusperren wollte, und beschlossen, das Obst- und Gemüsegeschäft zu übernehmen. Seit Jänner haben die beiden geöffnet. Ein gut überlegter Schritt. Die beiden konnten das Inventar des Vorgängers ablösen, mussten dafür aber einen Kredit aufnehmen, den sie von der Raiffeisenkasse bekamen. Die Geschäftsgründung ging, trotz aller Bürokratie, überraschend schnell.

„Natürlich hätten wir das nie alleine machen können, die Hilfe des Wirtschaftsberaters war unerlässlich“, sagt Sonja. Auch die Familie der Schwestern hat tatkräftig geholfen. Man müsse lernen, sich durchzusetzen, auch als Frau. „Man lernt dazu“, sagt Marion kryptisch. Sie hat zwei kleine Kinder und arbeitet deshalb oft nur halbtags. Samstag stehen aber meist beide im Geschäft, in der Hochsaison sowieso. Die Arbeit endet auch nicht nach Ladenschluss um 19 Uhr: dann ­stehen die Bestellungen an, man empfängt oder besucht Lieferanten, putzt das Geschäft und macht Schreibarbeiten. Mit der ­Familie sei das mit guter Organisation vereinbar, sagt Marion. „Es geht sogar besser als damals, als Ange­stellte“, sagt sie.

Zwei tüchtige Frauen im Geschäftsleben:
Marion (l. i. B.) und Sonja Vötter
Raiffeisen-Selbst-ist-die-Frau

Unterstützung für Frauen

Damit sich in Zukunft noch mehr Frauen als Unternehmerinnen durchsetzen, haben die Raiffeisen Landesbank und mehrere Raiffeisen­kassen eine Vereinbarung mit der Handelskammer Bozen und den Garantiegenossenschaften Confidi, Garfidi und CreditAgri abgeschlossen. Es wurde ein Fonds mit 20 Mio. Euro eingerichtet, aus dem Unternehmen mit mehrheitlich weiblicher Beteiligung und Führung Kredite zu vorteilhaften Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. „Wir möchten Frauen Mut machen und sie auf ihrem Weg ins Unternehmertum unterstützen, und zwar mit Finanzierungsformen und -bedingungen, die ihrem spezifischen Bedarf entsprechen“, meint Johann Schmiedhofer, Vizedirektor und Leiter des Geschäftsbereichs Kommerz der Raiffeisen Landesbank.

Darunter fallen beispielsweise Auszeiten für Mutterschaft, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen u. a. m. Die Landesverwaltung hat die Förder­kriterien für Frauenunternehmen bereits im Juni angepasst und will damit Qualität und Familienfreundlichkeit unterstützen. Gefördert werden sollen Kleinunternehmen, die von Frauen geführt werden, für die Antragstellerinnen wurden einige Vereinfachungen beschlossen. „Unternehmen und Politik bemühen sich um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber die Herausforderung in der Praxis ist groß“, sagt Schwarz. „Ein wichtiges Thema ist auch die Altersvorsorge von Frauen. Speziell Selbstständige müssen sich mehr mit dieser ­Thematik beschäftigen.“


Wird es besser?

Paulina Schwarz blickt erwartungsvoll in die Zukunft. „Das Bewusstsein, Frauen mit einzubinden, steigt“, sagt sie. „Ich sehe die Bereitschaft vieler Männer dazu, wir Frauen müssen uns aber auch einbinden lassen, Chancen ergreifen und aktiv werden.“
So wie Iris Giacomozzi das getan hat, die einfach zum Obmann der Raiffeisenkasse marschierte und erklärte, sie wolle für den Verwaltungsrat kandidieren. Und dann prompt gewählt wurde.

Heute sitzt sie im Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse Salurn, der zur Hälfte aus Frauen besteht. Ohne dass dafür eine Quote notwendig gewesen wäre (siehe Interview mit Iris Giacomozzi). So wie das die Vötters getan haben. Bereut haben sie den Einstieg in das Unternehmertum nicht. „Es läuft“, sagen sie. „Wir waren von Anfang an zuversichtlich, dass wir das schaffen. Aber ein großer Schritt war es schon.“ Ein Schritt, den in Zukunft mehr Frauen wagen könnten.

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VERWALTUNGSRÄTIN IRIS GIACOMOZZI – „Wir Frauen müssen uns mehr trauen“

Der Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse Salurn besteht zur Hälfte aus Frauen. Das ist in Italien einmalig.
Iris Giacomozzi aus Kurtinig ist eine von ihnen.

Frau Giacomozzi, Sie sitzen seit 2008 im Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse Salurn. Wie kam es dazu?
Iris Giacomozzi: Ich war immer bei den Mitgliederver­sammlungen. Dann hörte ich, dass sich der ­Kurtiniger Vertreter nicht mehr bewirbt. Ich bin nach Salurn gefahren und habe dem Obmann gesagt, dass ich Interesse habe. Am Ende gab es vier Kandidaten aus ­Kurtinig, drei Männer und mich. Ich wurde mit großem Vorsprung gewählt, das hab ich mir nie erwartet.

 

Ist der Umgang mit einer Frau im Verwaltungsrat anders?
Man sagt oft, Frauen denken und handeln anders …
Iris Giacomozzi: Ich sehe da ­keinen Unterschied. Frauen ­bringen vielleicht andere Sichtweisen ein. Aber entschieden wird rational, besonders in einer Bank.

 

Sie sind beruflich erfolgreich.

War das geplant oder hat es sich ergeben?
Iris Giacomozzi: Ich war immer schon ehrgeizig und offen für Heraus­forderungen. Man muss etwas gerne tun. Und man muss etwas riskieren.

Was braucht Frau heute, um Familie und Beruf besser zu vereinen?
Iris Giacomozzi: Das Umfeld ist wichtig, es braucht ein Team daheim, das funktioniert. Sicher kommt man manchmal auch an die Belastungsgrenze. Das Betreuungsangebot für Kinder ist auszubauen. Jede Frau sollte entscheiden können, was sie tun will. Ohne dass gewertet wird. Man ist ja entweder die Rabenmutter oder das Heimchen am Herd. Diese Denkweise muss aufhören.

 

Was würden Sie einer jungen Frau raten, die am ­Beginn ihrer Karriere steht?
Iris Giacomozzi: Wir Frauen ­müssen uns mehr trauen. Männer lassen sich wählen, und danach ­lernen sie, was zu tun ist. Wir wagen uns erst aus der Deckung, wenn wir alles können, aber da ist es schon zu spät, da sind die ­Männer schon überall.

 

Zur Person

Iris Giacomozzi ist Anwältin in einer Neumarkter Rechtsanwaltskanzlei, Bäuerin und Mutter zweier Kinder. Seit 2008 sitzt sie im Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse Salurn, seit 2011 ist sie Vizeobfrau.