Ausgabe 03/15 -

„Ob die Bankenunion das Finanzsystem stabiler macht, wird sich erst zeigen“

Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und
Raiffeisenbanken e. V. (BVR), über das Megaprojekt Europäische Bankenunion, die Geldpolitik der EZB, die Einlagensicherung und über die Mammutaufgabe als Interessenvertreter.

Herr Fröhlich, der BVR vertritt deutschland­weit und international die Interessen der genossenschaftlichen FinanzGruppe bzw. der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Ist die Interessenvertretung in den letzten Jahren schwieriger geworden?
Uwe Fröhlich: Vor allem die enorme Zahl an Regulierungsvorhaben, z. B. im Bereich Bankenaufsicht, Zahlungsverkehr oder Verbraucherschutz, macht die Arbeit der Interessenvertretung heute zu einer Mammutaufgabe. Die wichtigsten Akteure sitzen auch nicht mehr nur in Berlin, Frankfurt oder Brüssel. Mit der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA ist London und mit der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA auch Paris hinzugekommen. In unserer Arbeit geht es aber darum, für unsere Mit­glieder differenzierte Regelungen zu erreichen, die den unterschiedlichen Geschäftsmodellen der Banken und deren Größe gerecht werden. Leider wird von den Regulatoren zu oft ein „one size fits all“-Ansatz bevorzugt, also ein Regelungsansatz, der für alle Banken gleich sein soll.

Was sind aktuell die brennendsten Fragen und Probleme des BVR?
Uwe Fröhlich: Die Herausforderungen sind vielfältig und werden sicherlich auch in Italien diskutiert. Die extreme Niedrigzinspolitik der EZB lastet auf allen Banken des Euroraums, und kurzfristig ist keine Besserung in Sicht. Auch die fortschreitende Digitalisierung im Bankgeschäft und die einhergehenden Implikationen für ­unsere FinanzGruppe sind für uns von herausragender Bedeutung. Im regulatorischen Umfeld sind die Weiterentwicklung unserer Sicherungseinrichtung an die neuen europäischen Vorgaben zu nennen sowie der Vorschlag der EU-Kommission für ein Trennbankengesetz, das die bewährte Arbeitsteilung innerhalb der genossenschaftlichen FinanzGruppe zu beeinträchtigen droht.

Die Wirtschaft im Euroraum scheint sich nun doch zu erholen. Wie steht der BVR zur aktuellen Geld- und Zinspolitik der EZB, welche mit einer Geldschwemme versucht, die Wirtschaft anzukurbeln?
Uwe Fröhlich: In der Tat steht die konjunkturelle Erholung des Euroraums auf einer immer ­breiteren Basis und dürfte weiter an Kraft ge­winnen. Ich rechne, dass die Wirtschafts­leistung des Währungsraums heuer um rund 1,5 % zulegen wird. Die Zeit ist also reif für eine Neuausrichtung der Geldpolitik; die EZB sollte das ­Experiment der Negativzinsen noch in ­diesem Jahr beenden. Die ultralockere Geld­politik schwächt vor allem die private Altersvorsorge unserer Kunden empfindlich.

Foto: Uwe Fröhlich: Die Zeit ist reif für eine Neuausrichtung der Geldpolitik, die Europäische Zentralbank sollte das Experiment der Negativzinsen noch in diesem Jahr beenden.
Raiffeisen-Uwe-Fröhlich

Vor einem Jahr wurde die Europäische Bankenunion beschlossen, um u. a. nach der Krise das Bankensystem in der EU zu stabilisieren. Was bedeutet die Bankenunion für die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Summe?
Uwe Fröhlich: Die Bankenunion aufzu­bauen, war ein politisches Megaprojekt, das von Anfang an unter hohem Zeitdruck stand und die Ressourcen aller Akteure extrem belastet hat. Grundsätzlich ist die Idee dahinter, Banken des Euroraums einheitlich und unabhängig von einzelstaatlichen Interessen zu überwachen, richtig, weshalb wir das Projekt trotz Kritik im Detail stets unterstützt haben. Ob aber die Bankenunion die Institute des Euroraums und das Finanzsystem insgesamt stabiler gemacht hat, wird man erst in ein paar Jahren sagen können. Was wir jetzt schon sehen, ist, dass die EZB beginnt, ihre Aufsichtstätigkeit, die ja lediglich den großen, systemrelevanten Banken gelten sollte, auch auf unsere Institute auszudehnen. Wir spüren das u. a. an steigenden Meldepflichten, die erhebliche administrative Belastungen in den einzelnen Genossenschaftsbanken auslösen. Hinzu kommt, dass unsere Banken bereits von den nationalen Aufsichtsbehörden wirksam überwacht werden. Eine doppelte Aufsicht, einmal national und dann von der EZB, wäre eindeutig zu viel des Guten.

Die Einlagensicherung ist ein wichtiges Thema im Rahmen der Bankenunion. Worauf müssen sich Volksbanken und Raiffeisen­banken hier einstellen, um die neuen EU-Regelungen zu erfüllen?
Uwe Fröhlich: Die EU-Richtlinie zur Harmonisierung der Einlagensicherungssysteme in Europa muss bis 3. Juli 2015 in nationales Recht umgesetzt sein. Am 6. Mai dieses Jahres haben die deutschen Genossenschaftsbanken einstimmig die Anpassungen der Sicherungseinrichtung an die neuen EU-Vorgaben beschlossen. Das klare Votum unterstreicht den unbedingten Willen der genossenschaftlichen FinanzGruppe, ihren gemeinschaftlich seit über 80 Jahren praktizierten Institutsschutz auch unter den neuen europäischen Vorgaben konsequent fortzuführen. Wir werden zukünftig neben der bestehenden freiwilligen BVR-Sicherungseinrichtung mit ihrem Institutsschutz eine separate Gesellschaft als hundertprozentige Tochter des BVR gründen, die den neuen gesetzlichen Einlagenschutz bis 100.000 Euro gewährleistet, aber zugleich den Institutsschutz für die Banken der genossenschaftlichen FinanzGruppe bereitstellt. Die Anpassungen wurden vor allem nötig, weil die EU-Richtlinie den Aspekt der Einlegerentschädigung in den Vordergrund stellt – eine Situation, zu der es aufgrund des bei Genossenschaftsbanken einschließlich ihrer Zentralbanken DZ BANK und WGZ BANK vorgeschalteten Institutsschutzes in der Praxis gar nicht erst kommt. Seit Bestehen der BVR-Sicherungseinrichtung hat es noch nie eine Insolvenz einer angeschlossenen Bank gegeben; daher mussten noch nie Einleger entschädigt werden.

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Mit diesem Slogan werben die Volksbanken
und Raiffeisenbanken. Was treibt Sie als Präsident des BVR besonders an?
Uwe Fröhlich: Wenn ich in meiner Position als BVR-Präsident mithelfen kann, diese überaus erfolgreiche Genossenschaftliche FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken fit zu machen für die kommenden Herausforderungen, von denen ich einige in diesem Gespräch genannt hatte, ist das schon Ansporn genug. Schön wäre es, wenn die Volksbanken und Raiffeisen­banken in absehbarer Zeit 20 Millionen Genossen­schaftsmitglieder zählen könnten. Ich bin sogar durchaus optimistisch, dass wir das bald erreicht haben werden.

Biografisches

  • seit 2012 Präsident des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes (DGRV)
  • seit 2008 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, Berlin
  • 2008 Vorstand Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, Berlin
  • 2001 Vorstandsmitglied der Berliner Volksbank
  • 1989 IBM Deutschland
  • 1985 Arthur Andersen Unternehmensberatung GmbH, Hamburg

Uwe Fröhlich war vergangenen Mai einer der Referenten beim „Raiffeisentag 2015“ in Meran, bei dem Spitzen­vertreter deutscher, österreichischer und italienischer Genossenschaftsverbände zum Thema „Europäische Bankenunion: ­Chancen und Risiken für die Genossenschafts­banken“ sprachen.

 


Der Bundesverband BVR

Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) ist der Spitzenverband der genossenschaftlichen FinanzGruppe in Deutschland. Diese Gruppe ist mit einer konsolidierten Bilanzsumme von über einer Billionen Euro, 18 Millionen Genossenschaftsmitgliedern, 30 Millionen Kunden und mehr als 190.000 Mitarbeitern eine der größten Bankengruppen in Deutschland. Ihr gehören 1.047 Genossenschaftsbanken an, von denen die meisten Volksbanken und Raiffeisenbanken sind. Ebenso weitere Institute, wie die Sparda-Banken, PSD Banken, die Apotheker- und Ärztebank, die kirchlichen Kreditinstitute in der Rechtsform der Genossenschaft sowie die genossenschaftlichen Zentralbanken DZ BANK und WGZ BANK und deren Töchter Union Investment, Bausparkasse Schwäbisch Hall, R+V Versicherung, Teambank und weitere Unternehmen. Die gemeinsame Strategie dieser Bankengruppe wird wesentlich beim BVR koordiniert und entwickelt. Dazu gehört z. B. die preisgekrönte Werbekampagne der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Beim BVR ist zudem die Sicherungseinrichtung der genossenschaftlichen FinanzGruppe – das älteste Banken-Sicherungssystem Deutschlands – angesiedelt.